Zuckerfabrik

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Historische Zuckerfabrik in Oldisleben wird für 130.000 Euro restauriert

Susann Salzmann / 13.12.12 / TA

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Philipp Schlüter, Direktor der Südzucker AG, und Uwe Landes, Verantwortlicher für die Zuckerfabrik in Oldisleben, können aufatmen. Kurz vor Weihnachten erhielt der Konzern zur Erhaltung und In­standsetzung des Denkmals ein ziemlich teures Weihnachtsgeschenk. Eine Finanzspritze in Höhe von 130.000 Euro. 

Oldisleben. Die Mittel stammen aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm III des Bundes sowie vom Land Thüringen. Dass eine solche Fördermittelsumme überhaupt übergeben wurde, ist eine Seltenheit, beteuert Landeskonservator Holger Reinhardt, der den Bescheid gestern an Schlüter übergeben hat. Das technische Denkmal gewähre Einblicke in Produktionsprozesse. "Lebensmittelgeschichte ist hier zum Greifen nah", begründet der Landeskonservator. Wieso mussten wir damals nicht nur mit Honig süßen, sondern konnten zum Beispiel den Kaffee mit Zuckerstückchen versehen. Die Antworten da­rauf finden Besucher in der Zuckerfabrik.

Solange sie erhalten bleibt. Und das ist keine einfache Aufgabe, weiß Uwe Landes. Denn schon seit Jahren häufen sich die Schäden und sorgen mitunter dafür, dass Teile der Anlage für Besucher gesperrt werden müssen. Deckenebenen des Zuckerhauses mussten im August 2012 aufgrund gravierender Hausbock-Schäden gesperrt werden. "Jemand ist dort schon eingebrochen", erinnert sich Landes. Des­halb gelte diesem Bereich auch allerhöchste Priorität, wenn etwa im März bzw. April nächsten Jahres mit den Sanierungsarbeiten begonnen werde. Und das ist auch dringend notwendig, denn "die Balken sind dort durchlöchert wie ein Schweizer Käse", erklärt der Sachverständige für Holzschutz, Matthias Voigt.

Freilich, von außen sieht der Balken kräftig und breit aus wie eh und je, aber innen nage der Hausbock buchstäblich an der Stabilität des Balkens. "Und wenn ich dort mit Besuchergruppen drauf gehe, wür­den wir einbrechen", verdeutlicht Landes die dramatische Situation. Aber Stellen, an denen professio­nell restauriert werden müsste, gibt es viele. "Wir mussten uns nur zwischen den schlimmen und sehr schlimmen Schäden entscheiden", ergänzt Voigt. Holzwürmer, Nagelkäfer und Hausfäulepilze haben auch an den Balken an der Außenfassade ihre Spuren hinterlassen. Spuren an einer Bausubstanz von 1872.

Im Siedehaus am bereits 1872 erbauten Hängewerk, einer abgehängten Decke, sollen die Sanierungs­arbeiten fortgeführt werden, erzählt Schlüter. "Auch wir entdecken das Denkmal immer wieder neu", verkündet der Direktor der Südzucker AG, die sich der Erhaltung des Industriedenkmals angenommen hat. Da sei auch der Eigenanteil in Höhe von 70.000 Euro nicht zu viel des Geldes. Ohnehin, sagt Schlüter, entständen jährlich durch kleinere Instandhaltungsmaßnahmen, Betriebs- und Personalkosten sowie Kosten zur Gästebetreuung Aufwendungen, die sich zwischen 130.000 und 160.000 Euro bewe­gen.

Eine Zuckerfabrik des 19. Jahrhunderts

In der Nähe des Kyffhäusers bei Bad Frankenhausen, in der kleinen thüringischen Gemeinde Oldisle­ben, stellt die 1872 erbaute und im Dezember 1990 stillgelegte Zuckerfabrik in vieler Hinsicht ein ein­zigartiges Industrie-Denkmal dar. In den 119 Jahren ist die Bausubstanz durch Um- oder Anbauten kaum verändert worden. Die Außenmauern sind aus Muschelkalk und Rotsandstein mit Bogenfens­tern, und auf den gusseisernen Säulen im Parterre steht noch weitgehend die originale Holzbalkenkon­struktion des Ober- und Dachgeschosses. Die Ausrüstung mit sechs Dampfmaschinen und anderen historischen Apparaten ist einmalig.

Geschichte der Fabrik

Bereits 1836 ist in Oldisleben eine Rübenzuckerfabrik, eine sogenannte „Saftquetsche", errichtet wor­den, von der heute noch ein Gebäude steht. Sie wurde stillgelegt, als 1872 die Maschinenfabrik Röhrig & König, Magdeburg, nebenan die neue Fabrik für die Verarbeitung von 350 t/d Rüben baute. Die ersten 2842 t Rüben wurden vom 18. Februar bis Mitte April 1873 verarbeitet. Bereits 1889 hat die Hallesche Maschinenfabrik die Kapazität auf 525 t/d erhöht. Um 1890 verarbeitete die Fabrik in der Kampagne rund 40 000 t Rüben, davon stammten drei Viertel aus Eigenanbau, und erzeugte rund 5000 t Rohzucker. Zwecks Sicherung des Kapitalbedarfs und der Rübenbasis wurde 1892 die eingetragene Genossenschaft mit unbeschränkter Haftung in eine GmbH umgewandelt, die ab 1903 die Anlagen von der Maschinenfabrik Sangerhausen für die Verarbeitung von mehr als 600 t/d erweitern ließ.
Die Elektrifizierung begann 1915 mit Aufstellung eines Generators (der bis zuletzt in Betrieb war) zur Stromerzeugung für Beleuchtung und Pumpen. Bei gleichbleibender Rübenverarbeitung wurde die Fabrik 1922 von der Braunschweigischen Maschinenbauanstalt auf die Erzeugung von Weißzucker umgestellt.

Nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte die Weißzuckerfabrik Oldisleben zu den wichtigsten Lebens­mittelbetrieben des Landes Thüringen für die Versorgung der Bevölkerung.

Historische Dampfmaschinen

Als Hauptantriebe dienen Dampfmaschinen, die dank jahrzehntelanger sorgfältiger Pflege voll funkti­onsfähig sind. Die jüngste dieser Kraftmaschinen arbeitete 65 Jahre, die älteste 108 Kampagnen! Das Überleben dieser Zuckerfabrik mit „eingefrorener" Technikgeschichte und vielen arbeitsaufwendigen sowie energieintensiven Verfahren in den Nachkriegsjahrzehnten mit schneller industrieller Entwick­lung ist eine „Leistung" der sozialistischen Wirtschaft und ihres Mangels an Investitionsmitteln, aber auch das Verdienst der Mitarbeiter der Fabrik.
Auf technikgeschichtlich interes­sante Apparate und Anlagen, dar­unter Kraft- und Arbeitsmaschinen für wichtige Verfahrensschritte der Zuckerfabrikation, sei auf den fol­genden Seiten hingewiesen.

Rübenentladung von Hand

Die Rübenfahrzeuge werden von Hand entladen bzw. ihre Ladung wird in den 1923 gebauten Rüben­keller gekippt. In einer 2,4 m tief­liegenden Schwemmrinne strömen die Rüben (ursprünglich von Hand in die Schwemmrinne geworfen) in die Fabrik. Die gewaschenen Rüben fördert eine Schnecke in eine Chronos-Kippwaage, Baujahr 1909, die als einzige Anlage auf dem Dachboden steht. Der Waa­gen­korb neigt sich bei durch­schnittlich 400 kg Füllung, die Kip­pungen werden gezählt.

Für den Antrieb des Generators sowie ursprünglich der Rübenwäsche, Schnitzelpressen, Schneidma­schinen und Transporteinrichtungen für Rüben und Schnitzel dient als Hauptenergieerzeuger der histo­rischen Zuckerfabrik eine liegende Einzylinder-Dampfmaschine. Sie hat ein sechsrilliges Seilschwung­rad und treibt über ein Hauptvorgelege den Drehstromgenerator an, der den Strom für die Pumpen der zentralen Wasserversorgung und die Beleuchtung erzeugt.

Letzte Diffusionsbatterie

Das Saftgewinnungsverfahren mit der Diffusionsbatterie wurde in den 60er Jahren des 19. Jahrhun­derts von Julius Robert entwickelt. Es löste die bis dahin verwendeten Pressen ab. Diffusionsbatterien waren bis nach dem 2. Weltkrieg Bestandteil jeder Rübenzuckerfabrik. Die in Oldisleben vorhandene Batterie ist die einzige in Europa, denn heute werden nur kontinuierliche Anlagen verwendet. Die 1906 installierte Batterie mit 12 Diffuseuren von je 65 hl Inhalt wurde später um 2 Diffuseure erweitert. Die Diffuseure sind in zwei Reihen angeordnet und saftseitig hintereinandergeschaltet. Eine Schneidma­schine erzeugt die Rübenschnitzel. Über Rechenförderer und Schurren gelangen die Schnitzel in die Diffuseure, deren Deckel und Bodenklappe beim Füllen bzw. Entleeren sowie alle Ventile für Entlüf­tung, Wasser, Rohsaft und Dampf Handbedienung erfordern.

Belgischer Kalkofen

Der Kalk für die Saftreinigung wird in einem belgischen Doppelkegel - Kalkofen, Baujahr 1898, Ka­pazität 201 Kalk je Tag, gebrannt. Er steht in einem Anbau an das Filterhaus. Zum Füllen des Kalk­ofens wird der obere Verschluss mittels der hand-betriebenen Seilwinde angehoben Kalksteine und Koks rutschen durch den Einfülltrichter in den Kalkofen.

Seilaufzug mit Wasserkasten

Kalkstein und Koks werden in der Kipplore über einen Seilaufzug mit 11 m Hubhöhe dem Kalkofen zuge­führt. Als Gegengewicht für den Förderkorb dient ein Wasserka­sten, der für den Fördervorgang über die Rohrleitung mit Wasser gefüllt wird. Nach der Ent­leerung wird die Kipplore wieder in den Förderkorb geschoben und der unten stehende Wasserkasten ent­leert; der Förderkorb bewegt sich da­raufhin abwärts. Für eine Nach­füllung des Ofens werden drei Lo­ren Kalkstein und eine Lore Koks benötigt.

Balancier-Dampfmaschine von 1882

Die älteste Anlage, eine Balancier- Dampfmaschine, trieb ursprüng­lich mehrere Pumpen für die Förde­rung von Fabrikationssäften an. Sie pumpt die aus dem gebrannten Kalk hergestellte Kalkmilch. Der auf der Mittelsäule gelagerte Balken, Balancier genannt, überträgt die senkrechte Bewegung des Dampfkolbens auf die Kurbel des Schwungrades und die Pumpenzylinder. Die Vakuumpumpe des Kondensa­tors der Verdampfanlage treibt eine Dampfmaschine für Antrieb der Kalkofengaspumpe
Das Kalkofengas, das beim Kalkbrennen entsteht, komprimiert eine liegende Einzylinder-Dampfma­schine, Baujahr 1918, für die Carbonatation der Saftreinigung.

Einzigartiges Monument

Drei Verdampfungskristallisatoren mit Röhrenheizkammern werden mit Retourdampf der Dampfma­schinen beheizt. Sie sind zur Wär­meisolation mit Holz verkleidet. Eine liegende Einzylinder-Dampf­maschine mit Schiebersteuerung, Baujahr 1903, treibt die Vakuum­pumpe des Kondensators der Nach­produktkristallisation an.

Oldisleben ist in Europa die letzte Zuckerfabrik, die mit Dampfmaschinen, Diffusionsbatterie
und an­deren historischen Apparaten gear­beitet hat, die Vorfahren unserer heutigen Technik sind. Da­mit stellt sie ein einzigartiges Industrie - Denkmal dar, das unbedingt als technisches Museum zu er­halten ist. Die Zuckerindustrie war Ende des 19. Jahrhunderts in Deutsch­land mit 400 Fabriken nicht nur einer der größten Steuerzahler und der größte Exporteur, sondern auch eine Lehrmeisterin für an­dere Indu­strien.